Ausblick ins Ungewisse

Nufringen, 15.08.2020

Ausblick ins Ungewisse: Es braucht kein Corona, um das Leben zu verändern. Bin auch ich – wie so viele Menschen – geprägt von Sicherheitsdenken und der Angst vor Veränderung?
Was wurde in den vergangenen Wochen nicht alles Grandioses prophezeit: Nach Corona, hieß es, werde die Gesellschaft solidarischer, die Wirtschaft humaner und das Einkommen in systemrelevanten Berufen angemessen. Der Zukunftsforscher Matthias Horx glaubt sogar, dass wir höflicher werden und der “Spiegel” sieht gute Chancen, dass unsere Welt nach der Corona-Krise “eine bessere sein könnte”.

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ich mein persönliches Leben nun tatsächlich grundsätzlich verändere, wenn das alte doch vielleicht schon bald wieder so zu haben ist, wie ich es kenne? Bin ich überhaupt in der Lage, Werte, Ideale und Gewohnheiten, die einen großen Teil meiner Identität ausmachen, zu hinterfragen und wo notwendig über Bord zu werfen?

Schaut man sich in den Städten um, so sprechen die langen Schlangen vor Zara, Primark und Ikea für sich. Als sei nichts gewesen, bevölkern die Menschen wieder die Straßen mit Veggie-Bowls und Smoothies in der Hand. Die PS-Protze haben ihre dicken Autos längst durch die Waschstraße gefahren, kreisen wieder mit röhrenden Auspuffen durch die City und hängen den Ellbogen lässig aus dem Fenster. Fast alles wie immer.

Loslassen fällt schwer. Zahllose Ratgeber wollen das Loslassen schmackhaft machen, sie skizzieren die vielen Chancen, die sich auftun, wenn man das Alte ablegt und sich auf neue Bahnen begibt. Aber offensichtlich sind wir nicht allzu gut gewappnet für Veränderungen, obwohl man ihnen nicht entgehen kann. Beziehungen zerbrechen, Mitmenschen sterben, Kinder werden flügge und Arbeitsplätze umstrukturiert. Dann wieder muss man umziehen oder in Rente gehen. Veränderungen gehören zum Leben. Trotzdem, sagt die Psychologin Bärbel Wardetzki, wirken sie “in unserer Seele wie Kränkungen”. Man fühle sich persönlich getroffen, ungerecht behandelt und wehre sich deshalb gegen die Umwälzungen, die einem geschehen. “Im schlimmsten Fall”, sagt Wardetzki, “verbittern wir”.

Die Ärztin Monika Langeh hat drei Phasen ausgemacht für die Zeit von Krisen wie Corona. Nachdem sich zunächst Panik und Angst breitmache und man unsystematisch horte, was irgendwie nützlich sein könnte, bekomme man in der zweiten Phase etwas Abstand und erkenne, was einem guttut und wie man sich und sein Leben in der unsicheren Zeit einrichten kann. Phase drei ist die interessanteste, weil man beginne, sich in die Zukunft zu träumen, zu fragen, wer man sein wolle. Man kann neue Werte für den eigenen Lebensplan entwickeln.

Was in diesem Modell allerdings fehlt, ist Phase vier: Man verschiebt seine guten Vorsätze und Ideen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag und macht da weiter, wo man vor der Krise aufgehört hat.

Die Corona-Krise hat auch gezeigt, womit sich unsere Gesellschaft besonders schwer tut: der eigenen Sterblichkeit ins Auge zu sehen. Sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen ist schmerzhaft, weshalb Ältere oft völlig unvorbereitet in die letzte Lebensphase schlittern. Statt sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen und die passenden Rahmenbedingungen fürs Leben im Alter zu schaffen, gaukelt man sich lieber vor, gefeit zu sein vor dem eigenen Ende, zumal Vorsorgeuntersuchungen, Anti-Aging-Produkte und gesunde Ernährung die Illusion nähren, die Zukunft unter Kontrolle zu haben.

Warum wollen wir alle ewig jung sein, weichen den vielen Optionen, die wir haben, aber so konsequent aus? Warum klammern wir uns eisern an das Bestehende, auch wenn wir längst um dessen Schattenseiten wissen?

Weil wir es nicht anders kennen und dazu erzogen wurden, unflexibel zu sein und anzuhaften. Der westliche Lebensstil wird durch Sicherheitsdenken und Materialismus bestimmt. Mit jeder Versicherung, die wir abschließen, erklären wir im Grunde den Einbruch, den Unfall, eine Krankheit oder einen Wasserschaden als etwas, das nicht hingenommen werden muss, sondern wogegen man sich absichern kann. Das hinterlässt auch Spuren in unserem Denken: Statt uns mit Störfaktoren auseinanderzusetzen, die nicht ins ideale Bild passen, tun wir alles, um sie auszublenden.

Im Buddhismus gelten Menschen als fixiert, die immer versuchen, das zu bekommen, was sie wollen; denen die Fähigkeit fehlt, flexibel zu reagieren und die Frustration auszuhalten, dass Bedürfnisse nicht sofort befriedigt werden. In einer Welt jedoch, in der der Kunde König ist, wird mangelnde Flexibilität dagegen regelrecht zur Norm, denn mit seinem Geld erwirbt der Käufer zugleich das Recht, dass die Dinge laufen, wie er es wünscht nach dem Motto: Geht nicht, gibt’s nicht!

So ist es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet wir risikofreudig aus einer mehrwöchigen Krise hervorgehen könnten. Es ist mehr als abwegig zu hoffen, dass ausgerechnet wir uns auf einschneidende Veränderungen einlassen könnten, die wir doch Unwägbarkeiten auf ein Minimum reduzieren wollen und uns ohne GPS und rettendes Smartphone schon gar nicht mehr aus dem Haus wagen. Wieso sollte jemand, der sich nur im SUV sicher fühlt, auf einen kleinen Stromer umsteigen? Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand, der jahrelang auf Schnäppchenjagd war, nun bereitwillig den Preis für ein hochwertiges, regionales Produkt – aktuell zum Beispiel Fleisch – bezahlt, der den Erzeugern ein angemessenes Auskommen gewährt? Und werden all jene, die dem Pflegepersonal applaudieren, tatsächlich bereit höhere Krankenkassenbeiträge bezahlen?

Es ist ein wenig, als steckten wir fest, als lebten wir in einer Dauerschleife, in der wir immer nur jene Gefühle und Erlebnisse zu reproduzieren versuchen, die wir bereits kennen. Wäre es aber nicht bereichernder, die vielen Chancen, die wir hierzulande haben, auch zu nutzen – und damit endlich mal jene Gefühle zu spüren, denen wir bisher aus dem Weg gegangen sind. Vielleicht wollen wir auch deshalb immer jung bleiben, weil wir zwar das Glück haben, viel sehen und unternehmen zu können, dabei aber außer Stande sind, die Dinge intensiv genug zu erleben und auch wirklich zu spüren. Wie soll ich die Welt riechen und schmecken, wenn ich im alten und gewohnten Sicherheitsmodus verharre?

Solange ich im Alten verharre und das Neue abwehre, meint Bärbel Wardetzki, “nehme ich mir die Lebensfreude und verbaue mir die positiven Perspektiven im Leben”. Vielleicht hat Monika Langeh ja doch recht – und ich schaffe es, wenigstens einige Werte aus Phase drei umzusetzen, um der eigenen Fixiertheit ein Stück weit zu entkommen. Höchste Zeit, meine kostbare Lebenszeit für etwas Neues zu nutzen.

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