Die Corona-Zeit als spirituelle Herausforderung

Auszug aus der Webkonferenz vom 20. Mai 2020 von Markus Ziegler, Pfarrer Katholische Kirchengemeinde Herrenberg

Die Corona-Zeit als spirituelle Herausforderung

Guten Abend zusammen, ich freue mich, heute Abend mit Ihnen über einen Aspekt dieser Corona-Zeit ins Gespräch kommen zu können. Nämlich über diese Zeit als spirituelle Herausforderung. Diese Zeit und alles, was da geschehen ist und geschieht, macht ja auch etwas mit uns. Ich möchte zunächst einen kleinen Input geben und mit Ihnen in die Diskussion einsteigen. Ich habe 5 Thesen vorbereitet zu dem, was die Corona-Zeit, als geistige und spirituelle Herausforderung für uns bedeuten kann.

1. These: Die Corona-Zeit ist die Zeit einer kollektiven Erfahrung von Kontingenz, also die Erfahrung des Zufälligen, des Hinfälligen, des Schicksalhaften in unserem Leben. Und das als kollektive Erfahrung, als Erfahrung einer ganzen Gesellschaft. Als Einzelne haben wir alle schon Kontingenzerfahrungen gemacht, z.B. durch eine Krankheit, durch einen Unfall, durch den plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen. Jetzt aber macht die ganze Gesellschaft zusammen eine solche Erfahrung. Das hat es in meiner Generation – ich bin Jahrgang 1963 – und den Generationen danach so noch nicht gegeben. Die Elterngeneration meiner Altersgenossen hat irgendwie noch den Krieg als kollektive Erfahrung erlebt, mein Vater wurde mit 16 noch eingezogen, eine Mutter hat Kindheitserinnerungen an den Krieg. Aber danach gab es eine solche Gesellschaft-Erfahrung nicht mehr.

Wir alle haben uns die die vergangenen zwei Monate anders vorgestellt. Jeder musste erfahren, dass das Leben plötzlich durch einen kleinen Virus bedroht ist. Und die Maßnahmen dagegen hatten gravierende Folgen: Wirtschaftliche Existenzen stehen auf dem Spiel; finanzielle Unsicherheiten; das kulturelle Leben ist lahmgelegt; die persönliche Freiheit ist beschnitten wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Es kam in den vergangenen zwei Monaten alles anders als wir dachten. Das ist eine Kontingenzerfahrung – und die muss man dann auch annehmen können.

Und damit bin ich bei meiner 2. These: Die Corona-Zeit fordert uns dazu heraus, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann. Wir sind es gewohnt, alles im Griff zu haben, selten einfach etwas hinnehmen zu müssen. In der Corona-Zeit ist das anders: Plötzlich werden mir Einschränkungen vorgegeben, die ich hinzunehmen habe. „Die wichtigste Beherrschung des Virus scheint derzeit unsere Beherrschung zu sein“, hat der Generalvikar der Diözese Rottenburg-Stuttgart vor ein paar Tagen geschrieben. „Eine ungewohnte, auch in vieler Hinsicht anstrengende Lebensrealität.“ Wir müssen zu Stoikern werden, die bereit sind, Dinge anzunehmen, oft sogar zu erdulden, und dabei trotzdem gelassen zu bleiben. Emotionale Stabilität ist jetzt gefragt.

Damit will ich jetzt nicht einen totalen Passivität das Wort reden. Es gibt ja ein bekanntes Gebet, das lautet: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,  den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Und damit bin ich bei meiner 3. These: die Corona-Zeit fordert unsere Kreativität heraus. Ich bin überzeugt, dass uns der Virus noch einige Zeit beschäftigen wird, zumindest solange, bis ein Impfstoff entwickelt und die allermeisten dann auch geimpft sind. D.h.: wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Kommunikation und Interaktion müssen unter den Bedingungen des Virus stattfinden. Schon dieser Telefontalk den sie, lieber Herr Menzel, seit einigen Wochen anbieten, ist so ein Zeichen von Kreativität. Oder: gestern bekam ich eine E-mail der Stadt Herrenberg, die gerade eine Umfrage startet, um ehrenamtliches Engagement in der Corona-Zeit zu fördern und neu zu unterstützen.

In den Kirchengemeinden konnte ich viel Phantasie wahrnehmen, gottesdienstlosen Zeiten den Menschen in anderer Weise nahe zu sein.

Auch hinsichtlich unserer Solidarität ist Kreativität gefragt. Christliche Nächstenliebe zeigt sich jetzt darin, nicht nur daran zu denken: wie komme ich am besten durch diese Krise, sondern immer auch die Mitmenschen in den Blick zu nehmen. Wo braucht ein anderer meine Hilfe, vielleicht weil er in Quarantäne ist und selbst nicht einkaufen kann? Wie kann ich Menschen, die jetzt in schwierigen Situationen sind, unterstützen, gerade auch seelisch? Wenn in dieser Zeit Kontakte von Angesicht zu Angesicht eingeschränkt sind, tut vielleicht ein Anruf gut oder der Kontakt über soziale Medien.

Meine 4. These lautet: In der Corona-Zeit entdecken wir Selbstverständlichkeiten wieder neu entdecken und schätzen lernen Z.B. dass wir in unserem Leben oft viele Dinge als selbstverständlich nehmen, die gar nicht so selbstverständlich sind; dass wir unsere Freiheit zu wenig schätzen oder unseren Wohlstand. Übrigens auch unser politisches System und die verantwortlichen Personen, die durchweg besonnen und verantwortungsbewusst gehandelt haben – was einem im Blick auf andere Länder auch noch einmal bewusster wird.

Und wenn uns jetzt in der Corona-Zeit so manches verwehrt ist, so können wir vielleicht wieder neu lernen, für die kleinen Dinge im Leben dankbar zu sein.

Und schließlich die 5. These: Last not least ist diese Corona-Zeit für Christinnen und Christen (aber wohl auch für alle Gott-Gläubigen) eine Anfrage an das Gottvertrauen! Wir vertrauen auf Gott, der Kosmos und Welt ins Dasein gerufen hat und der seiner Schöpfung und jedem einzelnen von uns nahe ist. Gott hält Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in seiner Hand. Können wir seiner Führung und Fügung auch in dieser Krisenzeit vertrauen? Können wir unser Schicksal annehmen – Schicksal nicht als blindes Schicksal irgendeines Zufalls, sondern als geschickt, von Gott geschickt? In der Hoffnung, dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade zu schreiben vermag, dass heißt: dass alles einen Sinn hat und dass er letztlich alles zum Guten führen wird?

Gerade Menschen, die an Gott glauben – in dem Sinne, dass sie ihm vertrauen können, werden in dieser Corona-Zeit nicht verzagen, sondern gerade jetzt bei Gott Halt finden. Und sie werden diese Zeit als eine Anfrage an ihr Leben verstehen und ihre Haltung zum Leben. Manchmal können wir uns durch Dinge, die in unserem Leben geschehen, ja auch etwas sagen und bewusst werden lassen. Und schließlich werden Menschen, die an Gott glauben, in dieser zeit auch zu ihm beten: und zwar für die vielen Menschen, die mit dem Virus umgehen müssen – als Infizierte und Kranke, als Angehörige oder medizinisches Personal, als Behörden und Entscheidungsträger.

Soweit meine 5 Thesen, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich jetzt auf den Austausch.

Markus Ziegler, Pfarrer Katholische Kirchengemeinde Herrenberg

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