Klartext – Philosophischer und geistlicher Impuls in Krisenzeiten der Corona-Pandemie

Philosophischer und geistlicher Impuls in Krisenzeiten der Corona-Pandemie:

Der eigenen Sinnlosigkeit widerstehen. Warum es sich lohnt, Albert Camus und die christliche Hoffnung in Krisenzeiten neu zu entdecken

In Zeiten von Covid-19 kommt eine Beunruhigung auf, ja eine eine ausgewachsene Angst, die uns mit einer Realität konfrontiert, die wir sonst gern verdrängen:

Jeder Mensch führt einen Kampf ums Überleben, den er irgendwann verlieren wird. Jeder Wunsch nach dauerhaftem Sinn und ewigem Glück wird zuletzt durch den eigenen Tod ad absurdum geführt.

Ich beginne zu begreifen:

Der Stillstand der Welt, die Unterbrechung des Alltags wirft mich in diesen Wochen der Corona-Pandemie zumindest kurzfristig zurück auf meine nackte Existenz und führt mir meine eigene Endlichkeit vor Augen. Mein Ende rückt unaufhaltsam näher. Fragt sich nur: Ob früher oder später…Ich lebe, um zu sterben. Wie absurd ist DAS denn…

Ob ich (als Person) existiere oder nicht, ist der Welt völlig egal. Diese Einsicht erschüttert – falls ich sie innerlich überhaupt zulasse – von nun an vermutlich auch glücklichere Zeiten (die hoffentlich wiederkommen werden). Ich als lebender Mensch bin an sich nicht mehr als ein zum Tode Verurteilter, der durch die Welt irrt und so tut, als könnten Macht, Besitz, Karriere, Erfolge vor einer letzten Sinnlosigkeit der eigenen Existenz schützen. Was für eine Selbsttäuschung, denn: Ich bin und bleibe endlich, begrenzt, unbedeutend, ein kaum sichtbares Staubkorn im riesigen Universum.

Kein Philosoph hat das Gefühl des Absurden, von der Welt entfremdet zu sein, präziser fokussiert als der französische Existenzialist Albert Camus. Sein literarisches Schaffen ist zugleich eine beispielhafte Antwort auf die Frage, was dem irdischen Dasein eigentlich Wert verleiht. Es geht darum, der sinnentleerten Wirklichkeit seinen eigenen Sinn abzutrotzen, der zynischen Realität der Kontingenz und Begrenztheit nicht den Triumph über menschliches Leben zu überlassen.

Es wird in diesen Tagen der Pandemie allenthalben empfohlen, “Die Pest” von Albert Camus zu lesen. Wer in dem Roman Antworten auf die Bewältigung des Alltags in einer quarantänisierten Gesellschaft sucht, wird enttäuscht werden. Die Pest stellt die Frage nach der Moral im Angesicht des universellen Todes und des unerträglichen Leids unschuldig zu Tode gequälter Kinder. Wer die Pest liest, wird darin keine Beruhigung, sondern einen Stachel finden, der gnadenlos ins Fleisch getrieben wird: Wie weit sind wir bereit zu gehen, letztlich Unaufhaltsames (nämlich den Tod) zu bekämpfen? 

Die selbstauferlegte Quarantäne ganzer Gesellschaften ist vermutlich eine der größten Kulturleistungen der uns bekannten Geschichte, gerade weil es im Regelfall nicht um uns, sondern um die anderen  – die Geschwächten, die Älteren, die chronisch Kranken – geht. Aber wie lange hält eine Gesellschaft das durch? Wie tief reichen unsere ökonomischen und psychischen Ressourcen? Es schlummert die Frage: Wie sinnvoll ist es überhaupt, die sogenannten Risikogruppen zu schützen? Ist es nicht am Ende sogar sinnvoll, wenn das Kranke und Schwache ausgesondert wird, damit die Gesellschaft anschließend besser weiter existieren kann?

Camus verwirft in seinem Roman “Die Pest” diese Möglichkeit. Sein zweifelnd-verzweifelter Protagonist, der atheistische und aufopferungsvoll handelnde Pestarzt Dr. Rieux, stellt sich seiner moralischen Pflicht, auch wenn sie zuletzt zu nichts (als dem Tod) führt. Der Mensch kann – so Camus – das Absurde, sein limitiertes mit dem Tode ausgelöschtes Leben zwar nicht besiegen; er bleibt entfremdet von der Wirklichkeit. Im Tun, in der leidenschaftlichen Revolte gegen sein Schicksal liegt nach Camus die eigentliche Freiheit des Menschen begründet. Nach Camus gelingt die Erfahrung menschlichen Glücks nicht durch egoistisches Wollen und Agieren zum Zwecke persönlicher Lustmaximierung. Die Erfahrung menschlichen Glücks gründet in der Ergebenheit, sein Schicksal als todgeweihtes Individuum zu akzeptieren. Dem Akzeptierenden, dem wahrhaft Gleichgültigen kann die Welt, ja selbst der Tod nichts mehr anhaben. Er kann aber umgekehrt alles von der Welt haben, was sie ihm zufällig gibt. Der Sinn des Lebens liegt für Camus in der irdischen Revolte gegen die Vernichtung und den Tod des Mitmenschen begründet. Eben nicht in der Hoffnung auf ein Jenseits, das die Brüchigkeit menschlicher Erfahrungen transzendieren möchte in ein göttliches Ganze.

Camus hat den “Sprung in den (christlichen) Glauben” (Soren Kierkegaard) für intellektuellen Suizid gehalten. Aber ich frage mich, was mit diesem Sprung gemeint ist und warum könnte er retten. Was wäre, wenn dieser Glaube nicht mehr bedeutete als die praktische Überzeugung, dass das Dasein im Letzten nicht absurd ist, sondern einen guten Grund hätte und dass dieser mit dem Wort “Gott” bezeichnet wird? Bestritten würde im Glauben also zunächst die Annahme, dass die Wirklichkeit an sich absurd ist. Geglaubt würde hingegen, dass sich in der von Camus kategorisch eingeforderten Hinwendung zum Nächsten nicht nur ein letztlich sinnloser Kampf, sondern zugleich der eigentliche Wert des menschlichen Daseins offenbart: geliebt zu werden und lieben zu können. Familie, Freundschaft, solidarisches Miteinander, In-Beziehung-Leben als Wert zu behaupten, der die Angst vor dem Nichtsein überwindet, das könnte dem christlichen Begriff der Erlösung eine neue Profilschärfe verleihen. 

Der christliche Glaube überspringt die Erfahrung des Leidens und des Todes nicht. Er behauptet mit Blick auf das Kreuz sogar, dass der Sinn des Daseins nicht ohne die radikale Sinnlosigkeit, absolute Gottverlassenheit, erfahrbar wird. Aber er besagt auch, dass der Tod und das Leid als Teil des Lebens doch nicht das Eigentliche des Lebens sind. Christlicher Glaube ist bestimmt von der tiefen Hoffnung, dass die alltägliche Erfahrung von Liebe und Freundschaft in der Lage ist, auch da noch zu tragen, wo Menschen einsam in Quarantäne sterben. Es geht darum, dass das Absurde nicht das Einzige ist, was wir erfahren. Und es geht um die Hoffnung, dass nicht das Absurde, sondern das In-Beziehung-Sein das letzte Wort über unser Dasein hat. 

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